Interview mit meiner Agentin Kathrin Nehm von der Agentur Thomas Schlück 24. März 2025

Wie wird man genau Literaturagentin?

Es gibt da keinen festgeschriebenen Weg, man benötigt dafür keine maßgeschneiderte Ausbildung. Viele Agent:innen bringen aber ein geisteswissenschaftliches Studium mit oder haben bereits Erfahrungen im Verlagswesen gesammelt, bevor sie Agent:in wurden. Ich habe Linguistik und Soziologie studiert und dann eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht, bevor ich in einer Literaturagentur gelandet bin. Gerade die Erfahrungen im Buchhandel haben mir sehr geholfen und meinen Blick auf den Markt geschärft.

Wie soll man sich den Alltag einer Agentin vorstellen?

Das Schöne am dem Beruf ist, dass es keinen festen Alltag gibt, weil man nie so genau weiß, was einen erwartet. Die Aufgaben sind sehr vielfältig, was den Job so spannend macht. Ich kann das gerne an ein paar Beispielen deutlich machen: wir prüfen eingehende Manuskriptbewerbungen & wir arbeiten neue Projekte mit unseren Autorinnen aus und bieten sie den passenden Verlagen an & wir verhandeln die Konditionen von Angeboten & wir koordinieren Auktionen, wenn der schöne Fall eintritt, dass mehrere Verlage auf ein Projekt bieten.

Da ich in einer Agentur arbeite, die sowohl deutschsprachige Autorinnen vertritt als auch Klienten aus den USA und UK (das sind dann andere Agenturen und Verlage), haben wir ein sehr breites Portfolio und immer viele sehr verschiedene Projekte auf dem Tisch. Kurz gesagt, der Alltag besteht hauptsächlich aus E-Mails, Telefonaten und Videocalls – und etlichen Tassen Kaffee.

Gibt es etwas, worauf du bei einer Bewerbung besonders achtest?

Inzwischen achte ich vor allem darauf, ob mich das Thema anspricht: ist die Idee neu oder ist sie so neu verpackt, dass ich mir vorstellen kann, das Projekt erfolgreich zu vermitteln? Gibt mir die Leseprobe das gewisse Kribbeln, das mich immer weiterlesen lässt? Wenn Idee und Stil mich überzeugen, dann hat man mich meistens schon am Haken.

Was ist für Agenturen wichtig, wenn Autor*innen ihre Manuskripte/Ideen anbieten?

Darauf gibt es vermutlich keine universelle Antwort, aber mir ist ein positiver Gesamteindruck wichtig. Hat die sich bewerbende Person die Vorgaben auf unserer Website gelesen und die erforderlichen Dokumente eingereicht? Macht mich das Anschreiben neugierig, mir das Exposé und die Leseprobe anzusehen? Es kommt mir da nicht so sehr darauf an, dass alles schon in einem perfekten Zustand ist, Fehler sind absolut erlaubt. Ich achte aber schon darauf, ob sich solche Fehler häufen, denn man erkennt daran, ob sich jemand Mühe gegeben hat. Da die Zusammenarbeit mit deutschen Autorinnen sehr eng ist, muss man einfach darauf achten, dass die Harmonie stimmt und man gut und langfristig zusammenarbeiten kann, denn nur dann haben alle etwas davon.

Gibt es Themen in Büchern, die aus finanziellen Gründen abgelehnt werden?

Ich nehme nur Projekte an, bei denen ich denke, dass ich sie erfolgreich vermitteln kann. Dabei kommt es mir in erster Linie darauf an, den Autorinnen eine Perspektive bieten zu können, denn ich möchte ihnen keine falsche Hoffnung machen. Wenn ich ein Projekt ablehne, dessen Idee mir vielleicht gut gefällt, dann aus dem Grund, weil ich glaube, dass ich es nicht vermittelt bekomme. Vielleicht ist es „zwischen den Stühlen“ und lässt sich nicht so richtig einordnen, vielleicht ist die Zielgruppe nicht klar zu erkennen oder aber ich bin der Meinung, dass das Thema gerade nicht so gut läuft. Denken wir mal ein paar Jahre zurück, da hatten es Geschichten mit Vampiren enorm schwer. Glücklicherweise ändert sich der Buchmarkt ständig und die tolle Idee, die aktuell niemand will, wird morgen der nächste Besteller.

Darf man sich nach einer gewissen Zeit und neuem Projekt, erneut bewerben?

Ja, das ist immer möglich! Man wächst ja mit der Zeit, und es kam durchaus schon vor, dass wir Autorinnen erst später aufgenommen haben, weil uns erst die späteren Projekte überzeugt haben. Wenn eine Agentur nicht explizit äußert, dass sie kein Interesse an weiteren Projekten hat, würde ich es dort weiterhin probieren.

Anmerkung von Toni: Kathrin hat letztens zufällig eine alte Bewerbung von 2016 von mir in den Mails gefunden, an die keiner von uns beiden mehr gedacht hat. Anscheinend stand ich danach auch auf keiner Blacklist.

Braucht ein Autor einen guten Social Media Auftritt, um überhaupt bemerkt zu werden?

Nein, absolut nicht. Das ist kein ausschlaggebender Punkt für mich, denn eine tolle Social Media-Präsens garantiert keinen qualitativ guten Text. Es kommt auf die Ideen und den Stil an – und wenn dann noch ein toller Social Media-Auftritt hinzukommt, ist das sozusagen die Kirsche auf der Sahne. Aber das sollte wirklich immer nur das Extra sein. Natürlich achten die Verlage da inzwischen schon drauf, weil es eine enorme Marketinghilfe ist, aber ich würde behaupten, dass die Qualität der Texte am Ende dafür sorgt, ob jemand langfristig erfolgreich sein kann oder nicht.

Wie viel Wert legen Agenturen auf das Anschreiben, ist es genau so wichtig wie Exposé und Leseprobe?

Das Anschreiben ist das Erste, was ich mir anschaue. Daher ist es mir schon wichtig, aber es muss nicht besonders ausführlich sein oder darlegen, wieso ihr Bücher so liebt (das tun wir in der Regel ja alle!). Mir persönlich reicht es, wenn das Anschreiben kurz und knackig formuliert ist, aber bitte verzichtet auf Massenmails an sämliche Agenturen, die euch so einfallen. Adressiert bitte eure Bewerbungen immer separat an eine Agentur.

Ist es besser sich erst zu bewerben, wenn das erste Manuskript schon fertig ist?

Wenn du bereits etwas veröffentlicht hast, dann ist es oft ausreichend, wenn du dich mit einem Teilmanuskript bewirbst. Wenn es dein Debüt ist, das du anbietest, wäre es mir persönlich lieber, wenn das komplette Manuskript vorliegt oder kurz nach der Bewerbung fertig gestellt wird. Ein Buch zu schreiben ist harte Arbeit und dazu gehört einiges an Handwerk, daher ist es für uns immer gut zu sehen, ob die sich bewerbende Person das beherrscht und das Interesse über das gesamte Manuskript hinweg halten kann. Aber es kann immer Fälle geben, in denen auch ein Teilmanuskript überzeugt, daher möchte ich das nicht ausschließen. Es sollte aber dann schon ein guter Teil vom Text vorliegen und ein aussagekräftiges Exposé, in dem man den gesamten Handlungsverlauf erkennen kann.

Tipps für Autoren bei Bewerbung, die noch nicht veröffentlicht haben und nicht sehr auf Insta aktiv sind?

Legt Wert auf eine aussagekräftigte Bewerbung, die euer Schreiben in den Fokus stellt: ihr braucht nicht zwangsläufig ein großes Social Media-Following, um einer Agentur oder einem Verlag ins Auge zu stechen. Wenn ihr ein Projekt anbietet, das gut ausgearbeitet ist, eine Idee bietet, die frisch und unverbraucht ist und einen Lesesog erzeugt, dann spielt es keine Rolle, ob man euch im Internet kennt.

Was ist dein persönliches Lieblingsbuch?

Darüber habe ich lange nachgedacht, und ich glaube, es gibt nicht das „eine“ Buch für mich. Ich liste aber gerne einige auf, die mich sehr berührt haben: „Das unsichtbare Leben der Addie LaRue“ von V.E. Schwab, „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss.

„Mr Parnassus Heim für magische Begabte“ von TJ Klune, „Die Wut, die bleibt“ von Mareike Fallwickl und „Grabesgrün“ von Tana French. Eine bunte Mischung aus Fantasy, Urban Fantasy, Contemporary und Kriminalroman. Alle haben aber eines gemeinsam: sehr starke Figuren, die mir im Kopf geblieben sind.